Österreich als Ausdruck der Weltkultur

Leopold Sedar Senghor

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Dieser Blick in die Zukunft soll nun für das bestimmend sein, was ich über Österreich als Kulturland sagen möchte; denn diesem Österreich ist bisher und wird in Zukunft noch mehr die Aufgabe zufallen, bei der Symbiose der verschiedenen Kulturen des Donaubeckens mitzuwirken, um sie zu einem allgemeingültigen Faktor menschlichen Fortschritts zu machen.

In einem ersten Abschnitt möchte ich an die kulturelle Aufgabe dieses Landes unter der österreichisch-ungarischen Monarchie erinnern und von der immer noch wichtigen Rolle sprechen, welche auch die Republik Österreich in dieser Hinsicht spielt. Sodann möchte ich meine These mit drei Beispielen belegen: Wolfgang Amadeus Mozart, Rainer Maria Rilke und Friedensreich Hundertwasser – also mit einem Musiker, einem Dichter und einem Maler. Bei jedem dieser genialen Künstler, die so typisch österreichisch sind, werde ich versuchen aufzuzeigen,

1. daß er dem Einfluß verschiedener Kulturen ausgesetzt war;

2. daß er diese assimiliert und zu einer Symbiose umgestaltet hat;

3. daß diese Symbiose für ihn zum Mittel wurde, jenes wesentlich Menschliche auszudrücken, das sich an und für sich jeder Aussage entzieht.

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Friedrich Stowasser wurde am 15. Dezember 1928 geboren. 1949 änderte er seinen Namen auf Hundertwasser. Während Mozart und Rilke vom Vater wie von der Mutter her deutschen Blutes waren, ist Hundertwasser, biologisch gesprochen, ein Gemisch, in dem sich zwei an sich fernstehende Charaktere miteinander verbunden und somit ergänzt haben.

Ich habe bereits davon gesprochen, daß der deutschsprachige Mensch introvertiert ist und auf dem Weg nach innen immer wieder zu seinem individuellen und kollektiven Ich zurückkehrt. Die Mutter Hundertwassers, Elsa, war jüdischer – also, wenn man weiter zurückgeht, mittelländischer – Abstammung. Es ist bekannt, daß die meisten Mittelmeervölker in ihrer Natur gleichsam zwischen zwei Welten schwanken; ihr Wesen hat die gleiche Innigkeit wie das deutsche, doch ist diese Innigkeit bei ihnen von explosiver Art. Hingegen hat ihre an Verfolgungen und Kämpfen so reiche Vergangenheit bei der jüdischen Diaspora ein stets wachsames, logisch argumentierendes Denken geschärft, mit dessen Hilfe sie die Realität erfassen und umwandeln konnte und noch immer kann. Dieses Phänomen ist bei Hundertwasser um so lebendiger, als seine Kindheit und Jugend bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unter dem schrecklichen Zeichen von Verfolgung und Ausrottung während der nationalsozialistischen Zeit standen, der die Familie seiner Mutter einen entsetzlichen Tribut leisten mußte.

Es ist daher verständlich, daß das gesamte Denken, Handeln und Schaffen des Malers Hundertwasser von der Auflehnung geprägt ist. Von einer Auflehnung gegen den europäischen Rationalismus auf allen Gebieten – Rechtswesen und Religion, Wissenschaft und Kunst –, aber auch von der Ausformung eines neuen Denkens, einer neuen Theoria, das heißt, einer neuen Art zu sehen, um eine neue Welt aufzubauen.

Doch bevor wir auf diese beiden Aspekte seiner Persönlichkeit zurückkommen, sollten wir uns noch einmal den Einflüssen zuwenden, denen Hundertwasser ausgesetzt war, und zunächst seiner „Verwurzelung“, seiner Gebundenheit an Herkunft und Lebensraum.

Da finden wir einmal die Leidenschaftlichkeit von allem, was er unternimmt oder sagt. Seine Initiativen tragen in verstärktem Maß das Merkmal seiner doppelten Abstammung, mit – einerseits – jenem Teil von Phantasie im griechischen Sinn des Wortes, der – wie etwa in den „Nacktreden“ – die Herkunft aus dem Mittelmeerraum verrät. Gleichzeitig aber finden wir das systematische Denken des deutschen Menschen, bei dem hinter dem Phantastischen eine kohärente Theorie, ja sogar ein kohärentes Vorgehen zutagetritt. Unter diesem letzten Aspekt muß man den Einfluß verstehen, den 1948 die Wiener Weltausstellung von Egon Schiele und Erich Kampmann auf den jungen Maler ausübten.

Zum ersten Aspekt, nämlich der „Verwurzelung“ in seine Abstammung, gehören die zahlreichen Reisen Hundertwassers in den Süden und in den Orient. Hier äußert sich eine uralte Sehnsucht des jüdischen Wesens. Seltsamerweise – und doch war es kein Zufall – folgte er dabei den Spuren Rilkes, der in Algerien, Tunesien und Ägypten gewesen war: Hundertwasser besuchte mehrere Male Marokko und Tunesien. In Marrakesch blieb er sogar sechs Monate und interessierte sich nicht nur für die Lebensweise der Juden, sondern auch die der „Araber“, deren Musik er kennen und lieben lernte.

Dann zog er weiter und besuchte 1967 das Schwarze Afrika: den Sudan und Uganda. Schon 1951 hatte er sich in Marokko auch für die Neger interessiert, was ein Aquarell aus diesem Jahr beweist, das den Titel trägt: Hätte ich eine Negerin, so würde ich sie lieben und malen. Ein weiterer Beweis für seine Universalität – er mochte die –ismen nie – ist seine 1961 unternommene Reise nach Japan und die Tatsache, daß er im Jahr darauf eine Japanerin heiratete: Yuuko Ikewada. Als Österreicher, aber auch als Weltbürger segelte Hundertwasser auf seinem Schiff irgendwo im Pazifischen Ozean, als in Dakar, im Senegal, eine seiner zahlreichen Ausstellungen eröffnet wurde. Das war im November 1976.

Vorher aber hatte der Maler auch seinerseits den Einfluß der romanischen Länder erfahren: in Italien und Frankreich.

Seine Italienreise – seitdem er 1948 mit René Brô in der Toskana war – sind Legion. Noch heute gehört die Insel Giudecca bei Venedig zu den Orten, wo er gern lebt und arbeitet. Was hat ihm Italien gegeben? Zweifellos hat es in ihm den „außergewöhnlichen Farben- und Formensinn“ noch verstärkt, den bereits die Leiter der Montessori-Schule beim siebenjährigen Friedrich Stowasser erkannt hatten, aber auch eine gewisse schöpferische Kraft, auf die wir noch zurückkommen werden.

Letzten Endes sollte aber auch ihn Frankreich, das heißt, Paris, am meisten inspirieren, und paradoxerweise gerade dadurch, daß es ihn in seinem doppelten Erbe bestätigte: dem Erbe von Leidenschaftlichkeit und analytischem Denken, von Auflehnung und theoretischer Überlegung, und schließlich von schöpferischem Geist. Als er 1953 zum zweiten Mal nach Frankreich kommt, bleibt er – mit kurzen Unterbrechungen, wie Rilke – sieben Jahre dort. 1957 kauft er sogar ein Landhaus in der Normandie: „La Picaudière“.

Ich habe soeben das Wort „paradoxerweise“ benützt, denn Hundertwasser hat in Frankreich nicht dasselbe gesucht beziehungsweise gefunden, was seine Vorgänger dort wenn schon nicht gesucht, so doch mindestens gefunden hatten: ein Vorbild für künstlerische Arbeit, für Aufbau und Klarheit. Er fand etwas noch Besseres: den Ansporn zum schöpferischen Akt selbst, der ja an sich bereits im Sinn seines Charakters und seines Denkens lag. Denn die große Lehre, die er von der Ecole de Paris empfing, bestand in der Förderung der Handfertigkeit und des Formensinnes, noch mehr aber des künstlerischen Blickes und darüber hinaus der „Kreativität“, um einen Amerikanismus zu benützen. Des schöpferischen Geistes, wie ihn André Malraux für die Negerkunst definiert hat.

Wir sind an jenem Punkt angelangt, wo wir uns schließlich nicht mit der Ästhetik Hundertwassers, wohl aber mit seiner Theorie vom Leben beschäftigen müssen, deren verschiedene Aspekte wir nicht außer acht lassen dürfen: „Transautomatismus“, „Grammatik des Sehens“, „Verschimmelungsmanifest“, „Dein Fensterrecht – deine Baumpflicht“ und anderes mehr. Immer wieder findet man bei Hundertwasser die Auflehnung und eine Bejahung und sogar ein persönliches Engagement für ein Leben mit und gemäß der Natur.

Die Auflehnung, die schon den Zweiundzwanzigjährigen gegen die Pariser Kunstakademie Sturm laufen ließ, wendet sich im wesentlichen gegen den europäischen Rationalismus, der von Aristoteles und Descartes herkommt; genauer gesagt, gegen die „europäische Bluffzivilisation“: gegen ihre Justiz und ihre Religion, ihr Erziehungssystem und ihre Kunst, ja sogar gegen ihre Wissenschaft. Denn letztere kommt ja tatsächlich von der Logik des rationellen Argumentierens her: von Lineal, Zirkel und Multiplikationstabelle, die das wirkliche Leben niemals erfassen können.

Nicht, daß Hundertwasser gegen jede Justiz, jede Religion, jedes Erziehungssystem oder jede Kunst wäre; er glaubt lediglich, daß man von etwas anderem ausgehen muß: von der Einfühlung und den fünf Sinnen, vor allem vom Sehen. Nichts erklärt dieses neue Weltverständnis, dieses neue Weltbild besser als sein „Text für die Ausstellung im Wiener Art-Club“ (1953) und sein „Brief an einen Wiener Kritiker“ aus dem gleichen Jahr. Da seine Sensibilität geschärft worden ist, geht es im wesentlichen darum, in den „großen Feldern und Räumen“, die uns den „Schwindel“ des Erfassens geben, die „Vielfalt der Zeichen“ zu erkennen. Denn jedes dieser Zeichen hat einen Sinn, verkörpert eine Form des Seins. Alle diese Zeichen, alle diese Möglichkeiten des Seins soll der Künstler einfangen, deuten und in seinen Kunstwerken verwirklichen. Diese sind wiederum, wie vorhin bei Rilke, Entspannung und schöpferische Spannung zugleich: eine Vollendung Gottes.

Um zu diesem letzten Ziel zu gelangen, muß der Künstler die Hürde der europäischen Zivilisation umstoßen, indem er – wie wir soeben gesehen haben – seine Sinne schärft, außerdem aber auch eine neue Kunst erfindet.

Unsere Sinne können wir nur schärfen, indem wir mit unserer Individualität auch unser tiefstes Ich weiterbilden, indem wir das „sich aufbäumende, wahre, ursprüngliche und mannigfaltige Leben“ stärken. Wie dies die Völker aus Übersee tun, die der Maler in Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien getroffen hat – jene Völker des verlorenen Paradieses.

Eine neue Kunst erfinden, bedeutet, dem europäischen Rationalismus und seinen Schönheitskanons den Rücken zu kehren und so über den „visuellen Analphabetismus“ und die automatisierten Gesten der wesentlichen Künstler hinausgehen. Es bedeutet auch, sich die „Sichtbarmachung der transautomatischen Schöpfung“ wieder zu eigen zu machen. Was ist aber dieser Transautomatismus? Für Hundertwasser bedeutet er „die Rückführung des Schöpferischen in den Automatismus“, das heißt, den Verzicht auf alle Errungenschaften des europäischen Rationalismus – Art des Sehens, Ideen, Gewohnheiten –, um wieder zu jenem kraftvollen Sehen, Fühlen und Schöpfen zu gelangen, das den Menschen im verlorenen Paradies gegeben war, als ihre Sinne, ihr Geist und ihre Seele noch neu und unverbraucht waren.

Wie vorhin bei Mozart und Rilke werden wir uns zu fragen haben, worin die Schönheit der Werke Hundertwassers besteht. Neben den Farben ist das Hauptelement seiner Ästhetik, seiner Poetik im etymologischen Sinn des Wortes die Spirale.

Die Farben seiner Malerei sind wichtig, weil sie lebendig, mannigfaltig und reich nuanciert sind. „Als ich beim Bauern arbeitete“, schreibt er, „sah ich, wie grün das Gras ist und wie braun die Erde. Da beschloß ich, Maler zu werden.“ Außerdem haben sie dank ihrer Leuchtkraft und ihrer Nuancen symbolischen Wert, eine naturhafte Bedeutung. Diese „Magie“ der Farben bewunderte der Maler bei den Künstlern des japanischen Holzschnitts.

Die Spirale wiederum steht im Mittelpunkt von Hundertwassers Poetik selbst: als Kunstmittel und gleichzeitig als Ausdruck des Lebens. Sie widersetzt sich der Geometrie der geraden Linie, mit der alles Übel begann: also wiederum dem Rationalismus der westlichen Welt. „Die Spirale“, sagt Hundertwasser in einer seiner Schriften aus dem Jahr 1974, „ist das Symbol des Lebens und des Todes. Die Spirale liegt genau dort, wo die leblose Materie sich in Leben umwandelt.“ Auch sie gehört zur Kunst der exotischen Länder wie etwa Mexikos.

Wir haben gesehen, daß die Schönheit bei Mozart und Rilke in der harmonischen Ausgewogenheit zwischen den verschiedenen Kulturkreisen lag, die sich in ihnen kreuzten und gegenseitig durchdrangen. Auch bei Hundertwasser liegt sie im Gemisch, in der Kreuzung begründet; sie ist vielleicht nicht immer voll Ausgewogenheit, doch stets voll Harmonie – sonst wäre sie keine Schönheit –, und diese ihre Harmonie ist dynamisch, weil sie vom Leben selbst ihre Richtung und ihre Bewegung erhält.

 

Rede des Präsidenten der Republik Senegal, Leopold Sedar Senghor, zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, 1977.