Jeder muß kreativ sein

Hundertwasser

Vorausschickend möchte ich sagen, dass eine Rede über die Kunst äußerst schwierig ist, weil es so viele Ansichten dazu gibt, die fast alle richtig sein können. Ich persönlich habe im Grunde gar keine Meinung zur Kunst oder besser gesagt, meine Meinung dazu ändert sich laufend. Da ich selbst Maler sein will, befinde ich mich mitten im Strom, in der Strömung der Kunst, und deshalb kann ich nicht die Sicht eines Außenseiters über die Kunst einnehmen. Alles, was ich deshalb tun kann, ist, die Probleme, die mich beschäftigen, zu nennen, ohne sie jedoch lösen zu können.
Deshalb meine ich, es wäre am besten, die verschiedenen Meinungen über die Kunst aufzuführen, die Meinungen der Künstler selbst, die Meinungen der Außenstehenden und schließlich meine eigene.
In der Öffentlichkeit, also unter den Menschen, die nicht selbst Kunst schaffen, gibt es im Allgemeinen zwei Ansichten, zwei Meinungen, die einander entgegengesetzt sind.
Die erste: Kunst muss die Natur nachahmen.
Die zweite: Kunst muss etwas ausdrücken.
Nach dem ersten Kriterium soll die Kunst ein getreues Abbild der Dinge vermitteln, ein wahrhaftiges Bild der Wirklichkeit. Die Vertreter dieser Ansicht meinen, Kunst müsse verständlich und leicht zu verstehen sein. Für sie ist ein Bild um so besser, je mehr Ähnlichkeit es mit dem Modell oder dem gemalten Gegenstand aufweist.
Ich halte diese Meinung für ganz und gar unzutreffend. Solche Bilder sind nichts weiter als Fotografien. Natürlich ist es richtig, dass in früheren Zeiten die Maler ihre Bilder nach der Natur malten und dass sie ihnen die größtmögliche Ähnlichkeit gaben, doch diese Bilder dienten als Fotografien und keinem anderen Zweck.
Seit der Erfindung der Fotografie ist es jedoch sinnlos für einen Maler, nach der Natur zu malen. Was die Fotografie anbelangt, muss ich sagen, dass sie niemals mit der Kunst konkurrieren kann.
Ich vermute, dass die meisten unter Ihnen es lächerlich finden, überhaupt über diese Dinge zu sprechen, aber es ist wahr - und bedauerlich - dass die Mehrzahl der Menschen so denkt, nämlich dass der Sinn der Kunst darin bestehe, die Dinge möglichst realistisch darzustellen.
Aber es gibt noch immer sehr viele Menschen, die zugeben, nichts von Kunst zu verstehen. Da ist es die Aufgabe des Künstlers, sie aufzurütteln, sie zu wecken.
Wahre Kunst muss etwas ausdrücken. Wahre Kunst muss den Dingen eine Art neues Leben verleihen. Das Ziel der Kunst ist der Ausdruck. Die Aufgabe der Kunst besteht darin, andere mit der Weltsicht des Künstlers anzustecken. Mit anderen Worten: Während man ein Bild anschaut, muss man etwas fühlen, was weder die Natur noch ein die Natur nachahmendes Bild vermitteln kann. Der Betrachter sollte vom selben Gefühl ergriffen sein wie der Künstler, als er das Bild schuf. Auf jeden Fall soll der Betrachter überwältigt, auf Tiefste beeindruckt sein. Denn in einem Kunstwerk muss etwas Übernatürliches enthalten sein, etwas, das den ansonsten toten Gestalten und Gegenständen Leben verleiht.
Und dann erhebt sich noch eine weitere Frage, besonders unter Künstlern: Soll die Kunst das Echo unseres eigenen harten Lebens sein oder vielmehr ein Mittel, in eine andere, bessere Welt zu entfliehen? Soll sich die Kunst mit unseren eigenen Problemen auseinandersetzen oder sollte sie zur Gänze von unserem Leben getrennt sein?
Der erste Standpunkt ist Folgender. Die Kunst muss gemeinsam mit uns kämpfen, muss sich mit dem Menschen verbünden. In unserer heutigen Welt können Künstler keine hübschen, malerischen Dinge darstellen - dies wäre ein Betrug der Welt um uns herum und ein Betrug des Künstlers sich selbst gegenüber. Noch nie war die Welt so turbulent wie gerade jetzt, und die Kunst sollte sich nicht aus dieser Welt fortstehlen, sich nicht flüchten. Wer weiß, in einer zukünftigen Welt, wo alles wieder zur Ruhe kommt, wird es vielleicht wieder möglich sein, wie in früheren Jahrhunderten zu malen - zum reinen Vergnügen und aus einem Glücksgefühl heraus. Doch jetzt ist dies unmöglich. Es wäre ein Betrug, eine Täuschung.
Schließlich will ich über die Art von Kunst sprechen, die meines Ermessens die höchste und tiefste Form der Kunst ist, die wahre Kunst, zu der ich mich selbst bekenne und die ich schätze. Es ist die Kunst, die dieser Welt entfliehen möchte. Bilder dieser Art entziehen sich der Erklärung und dennoch sind sie es, die am meisten Ausdruckskraft besitzen. Ich möchte sagen, sie beeindrucken so tief wie große Musik es tut.
In der großen Kunst liegt ein großes Wunder, ohne dass man sagen könnte, was für eine Art Wunder. Es überkommt uns nur das Gefühl einer riesigen, endlosen Tiefe, die die Kunst vor unserem inneren Auge ausbreitet. Wir werden dies niemals ganz begreifen, besonders weil selbst die großen Künstler ihre Werke selbst nicht verstehen und sie deshalb auch nicht erklären können. Ihnen mag dies unglaublich erscheinen, aber es ist die Wahrheit. Während der Arbeit gelangen die Künstler zu Ergebnissen, die auch für sie selbst ganz neu sind und für sie selbst erstaunlicher als für Außenstehende.
Deshalb erscheinen uns große Künstler wie Boten oder Botschafter einer anderen Welt, einer Welt, die die seltsamsten Farben und Formen aufweisen kann. Aber sie scheinen die Wörter der Botschaften nicht richtig gelernt zu haben, weshalb es ihnen schwer fällt, sie wiederzugeben. Doch nie und niemals dürfen wir sagen, die moderne Kunst sei gottlos. Die moderne Kunst hat fast ausnahmslos die Tendenz zu einer Flucht aus dieser Welt. Und Fliehen heißt Suchen, etwas Suchen, das noch nicht gefunden wurde, das es gar nicht gibt auf dieser Erde - und das heißt, Suchen nach Gott. Aus diesem Grund ist es nur richtig zu sagen, die moderne Kunst versuche, Gott zu finden oder ihn vielleicht sogar zu erschaffen, wie dies nie zuvor getan wurde, einen größeren Gott als ihn alle Religionen dieser Welt bisher für sich beanspruchen.
Die heutige Kunst versucht, der Menschheit neue Wege zu öffnen, sie kämpft um einen neuen Gott, und die Welt will nicht realisieren und nicht anerkennen, dass die Kunst diesen großen Kampf für die Menschheit führt. Große Dinge sind derzeit im Gange. Ich glaube, jeder große moderne Künstler ist ein Prophet, der großartige neue Dinge voraussieht, die bald kommen werden. Und es ist entweder ein Missverständnis oder sehr gemein und beschämend, aber auf jeden Fall sehr betrüblich für die Künstler, dass die Menschen diesen großen Kampf als sinnlos, verrückt oder gar wahnsinnig bezeichnen.
Man kann die moderne Kunst nicht beurteilen und sagen, dies sei gut und dies sei schlecht. Dies wird die Aufgabe späterer Generationen sein. Doch eines können wir sagen: Ein zeitgenössisches Bild, das eine Welt vorstellt, in der nichts geschieht, ist kein Kunstwerk. Und deshalb ist es, wie ich bereits gesagt habe, unmöglich für die Kunst, die Menschen zufrieden zu stellen. Es ist die Pflicht der Kunst, uns in eine andere Dimension zu führen, auch wenn dies gegen unseren Willen geschieht.
Lasst uns deshalb die Freiheit bewahren, die volle Freiheit für die Kunst, und ihr die Mittel geben, damit sie den Kampf für dieses neue, großartige, unbekannte Etwas weiterführe.


 

Rede, gehalten auf Schloss Leopoldskron, Januar 1949

Publiziert in:

Hundertwasser. New York: Parkstone Press International 2008, S. 55-56